Thomas Rühmann
Presse EPK
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"Zweie an der Oder. Rühmann und Klemt. Zollbrücke und Frankfurt. Der Dichter am Ufer. Das Theater am Rand. Der alte Äppelkahn. Mit exzellenter Band auf der Brücke."

 

Lieder und Texte - Reinhören und Digitales Booklet

01 Versprochenes Lied Amour fou

Digitales Booklet Brückenschlag

In der hier folgenden Booklet-pdf sind alle Infos und Liedtexte auf einem beigen Hintergrund angeordnet, der an die Textur von Papier erinnert. Hinter diesem beige schimmern flächige Bilder von Landschaften im Oderbruch oder Detailaufnahmen von der Europabrücke, die über die Oder führt, hindurch. Die Textinhalte sind für Sie hier identisch abgedruckt.

Brückenschlag – Lieder am Fluss

Thomas Rühmann & Band

Land und Gewitter · Wasser und Wiesen
Europa und Ferne · Sonnen und Sterne
Oder und Bruch · Name und Preis
Segel und Boot · Liebe und Not
Wende und Narren · Server und Farmen
Früher und Morgen · Gutes und Sorgen
Frau und Mann · Ufer und Deich
Licht und Nacht · Zeit und Macht
Holz und Eisen · Seele und Leib
Himmel und Zelt · Würfel und Welt
Sehnsucht und Schnee · Tinte und Feder
Liegen und Sagen · Rudern und Fragen
Dochte und Schmerzen · Räder und Karren
Traum und Dunst · Glück und Kunst

Über das Projekt

Zweie an der Oder. Rühmann und Klemt.
Zollbrücke und Frankfurt.
Der Dichter am Ufer. Das Theater am Rand. Der alte Äppelkahn. Mit exzellenter Band auf der Brücke. Die Künstler erfinden. Klemt liefert die Lieddichtungen. Rühmann singt. Die Gegensätze der Welt in Balance. Das Unausgesprochene als Song. Klemts Lieder überbrücken die harten Ufer. Versstark. Hoffnungsleicht.

www.thomasruehmann.de
www.hmklemt.de

Liedtexte

1. Verborgenes Lied - Amour fou

Komposition: Michael Ritter

Your life ist sweet -
Old love is rusty.
You’re what I need:
The skies are dusty.

Your life is sweet -
The skies are dusty.
You’re what I need:
Old love is rusty.

Your love is sweet -
Our life is dusty.
You’re what I need:
The skies are rusty.

ist das haus dir kein haus
und die tür keine tür
nicht hinein nicht hinaus
komm zu mir komm zu mir

ist die wand keine wand
und das dach dir kein dach
wird eiskalt deine hand
mach mich wach mach mich wach

ist das ziel nicht das ziel
und was war nicht mehr wahr
jedes wort schon zuviel
ich bin da ich bin da

ist der weg gar kein weg
und das licht ist kein licht
wo dein schatten mich trägt
fang ich dich fang ich dich

Wir danken Henry-Martin Klemt für seine Lieddichtungen, André Schinkel für „Amour fou“ und Volker Braun für „Das Eigentum“.

2. Fahrendes Lied

Komposition: Peter Schenderlein

Sie kam den Fluß herab und ich das Meer.
Ich liebte heftig und sie liebte sehr.
Wo wir uns trafen, legten Stürme sich.
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Ihr langes Haar fiel dunkel, kreuz und quer.
Ich bot den Kamm. Sie sagte: kein Begehr.
Doch als das Grau durch ihre Augen schlich,
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Ein Kleid von Leinen trug sie, ganz leger.
Mir war die Hose klamm von Salz und Teer.
Doch als sie ihre Falten grade strich,
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Ach, wenn der Ozean ein Flüßlein wär,
Sie sagte: Und der Fluß ein Meer:
Stets umeinander wärn wir, du und ich.
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Als ich erwachte, war mein Bett halb leer.
Die Segel auf und keine Wiederkehr!
Was dich nicht halten will, das hältst du nicht.
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Ach, wenn der Ozean ein Flüßlein wär,
Sie sagte: Und der Fluß ein Meer:
Stets umeinander wärn wir, du und ich.
Ich hab sie fahren lassen alldaher.

Sie kam den Fluß herab
und ich das Meer.
Ich liebte heftig
und sie liebte sehr.
Wo wir uns trafen,
legten Stürme sich.

3. Langsames Lied

Komposition: Thomas Rühmann

Ich bin so etwas von zwanzigstes Jahrhundert,
daß mir zuzuhörn sich eigentlich nicht lohnt,
denn der Saurier ist ein Tier, das nichts mehr wundert.
Auch wenn`s ausstirbt, hat das Leben sich gelohnt.

Wir lernten in der Schule alle nähen.
Wir rührten Farben und Tapetenleim.
Wir lernten Wäsche bügeln, Schnittlauch säen,
und fanden mit und ohne Kompass heim.

Am Küchentisch an all den Nachmittagen
mit Schönschrift und mit kleinem Einmaleins,
hat uns ein Raumschiff auf den Mond getragen,
ein großes, denn es braucht nicht jeder seins.

Ich bin so etwas von zwanzigstes Jahrhundert …

Die Nieren waren knochentrockne Schwämme,
das Leben überwiegend ungesund.
Aus unsern Taschen ragten Plastikkämme
Und meistens eine Kippe aus dem Mund.

Die Mädchen trugen keine Büstenhalter
und rochen wie die Brandung unterm Arm.
Das Schamhaar wuchs uns bis ins hohe Alter.
Wenn eine Hand dort ankam, gab`s Alarm.

Ich bin so etwas von zwanzigstes Jahrhundert,
daß mir zuzuhörn sich eigentlich nicht lohnt, …

Im Blaumann, ölverschmiert an den Maschinen,
stand fast ein Mann schon, fast schon eine Frau
fürs gleiche Geld, und jeder wollt`s verdienen.
Nur manchmal machten wir am Montag blau.

Das kostete uns eine Kaffeerunde,
bei der gelästert wurde und gelacht.
Für alles gab es eine viertel Stunde.
Wir nahmen uns die Zeit und nicht die Macht.

Was langsam ging, das ging nun mal nicht schneller.
Der Tag war kurz, der Augenblick zu lang
Beim Warten auf den gut gefüllten Teller
Im ersten und oft einz`gen Restaurant.

Wir warteten auf Wohnungen und Wagen,
ein Studium oder einen Krippenplatz.
Die Stille haben wir nicht nur ertragen,
die Fragezeichen hinter einem Satz.

Die Zukunft kam zur Welt in der Garage
Und macht die letzte Dampfmaschine kalt.
Wir wechselten das Land und die Kledage
und werden langsam, wie wir waren, alt.

Ich bin so etwas von zwanzigstes Jahrhundert,
daß mir zuzuhörn sich eigentlich nicht lohnt,
denn der Saurier ist ein Tier, das nichts mehr wundert.
Auch wenn`s ausstirbt, hat das Leben sich gelohnt.

4. Rüdersdorfer Lied

Komposition: Jürgen Ehle

Wenn wir uns an Sternen reiben
und ein Würfel ist die Welt,
fragt uns keiner, wo wir bleiben
unterm nassen Himmelszelt.

In Rüdersdorf.
Eine Nacht
In Rüdersdorf.

Zementstaub in der Lunge
vor dem großen Schleusentor.
Aus dem Rucksack holt ein Junge
eine Flasche Rotwein vor.

Und ein Mädchen schmeißt ein IPhone
heulend in den tiefen See.
Ist die Sommerseele frei schon?
Scharrt die Sehnsucht noch im Schnee?

In Rüdersdorf.
Eine Nacht
In Rüdersdorf.

Wenn sie trinkt aus seiner Flasche
sieht sie einen halben Mond.
Graue Liebe weht wie Asche
aus den Häusern, totgewohnt.
Totgewohnt, tot. In Rüdersdorf.

Älter als die zwei an Jahren,
ist die Straßenbahn, zu alt.
Nein, sie lassen alles fahren
und verstecken sich im Wald.

Mondlicht leckt an ihren Zehen,
kühlt ihm seinen nackten Bauch.
Als sie sagt: Jetzt muss ich gehen,
nickt er lächelnd und geht auch.

In Rüdersdorf.
Eine Nacht
In Rüdersdorf.

Wenn wir uns an Sternen reiben
und ein Würfel ist die Welt,
fragt uns keiner, wo wir bleiben
unterm nassen Himmelszelt.

5. Verschenktes Lied

Komposition: Michael Ritter

Nachtverschenker, Tagediebe
Suchen nach der großen Liebe
Und ein Mann ist ihre Sonne
Und der Mond ist eine Frau
Und ihr Himmel rot vom Lügen
Und von Kälte manchmal blau.

Nachtverschenker, Tagediebe
Suchen nach der großen Liebe
Und der Rotwein macht`s nicht besser -
Und der Whisky macht`s nicht gut. –
Will man eine Welle reiten,
Muss man warten auf die Flut.

Nachtverschenker, Tagediebe
Suchen nach der großen Liebe
Er vermutet: weit im Süden,
Hoch im Norden, so hofft sie,
Und im Hut sitzt ein Kaninchen,
Aber raus kriegt man es nie.

Nachtverschenker, Tagediebe
Suchen nach der großen Liebe
Und sie folgen ihren Spuren
Mit den Nasen tief im Dreck.
Manchmal stoßen zwei zusammen
Und sie kriegen einen Schreck.

Macht das Leben einen Schlenker:
Tagediebe Nachtverschenker,
Greifen zu, um sich zu halten,
denn sonst falln sie nämlich hin.

Doch wenn keiner wieder losläßt,
Doch wenn keiner wieder losläßt,
kriegt das alles seinen Sinn.

6. Narrenschiff

Komposition: Clemens Poetzsch

Alle Welt seh ich bezahlen
mit den Kernen für die Schalen,
für die Henkel mit den Tassen,
mit der Liebe für das Hassen,
für den Schlaf mit ihrem Kissen,
für die Ehre mit Gewissen,
für die Nähe mit der Ferne,
für das Öl mit der Laterne.

Und Immer, wenn ich wiederkomm,
gilt die Jugend als verdorben.
Immer, wenn ich wiederkomm,
wird fürs Vaterland gestorben.

Alle Welt seh ich bezahlen
mit den Körnern für das Mahlen,
mit der Fahne für die Stange,
mit den Rohren für die Zange,
mit dem Karren für die Räder,
mit der Tinte für die Feder,
mit dem Glauben für die Treue,
mit dem Guten für das Neue.

Immer, wenn ich wiederkomm,
gilt die Jugend als verdorben.
Immer, wenn ich wiederkomm,
wird fürs Vaterland gestorben.

Immer, wenn ich wiederkomme,
wird, was unten ist, getreten.
Immer wenn ich wiederkomme,
keucht das Pack nach dem Propheten.

Immer, wenn ich wiederkomme,
grüßen Händler mich und Huren.
Immer, wenn ich wiederkomme,
stoße ich auf meine Spuren.

Immer, wenn ich wiederkomm,
gilt die Jugend als verdorben.
Immer, wenn ich wiederkomm,
wird fürs Vaterland gestorben.

Immer wenn ich wiederkomme,
sehe ich das Weltenende.
Immer, wenn ich wiederkomme,
macht ein Narrenschiff die Wende.

7. Morgendliches Lied

Komposition: Michael Ritter

Ach, die Herben, manchmal dreisten,
liebte ich am allermeisten.
Doch sie warn es auch, die weinten,
die mich spät mit fast versteinten
Lippen baten, rasch zu gehen.

Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
sollte ich sie nicht mehr sehen.

Ach, es warn die Nimmersatten,
die auch mich am liebsten hatten,
deren Träume, schon verschlissen,
schreiend mich dem Schlaf entrissen.

Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
sollt ich nichts mehr davon wissen.

Ach, ich liebte, wie sie brannten,
sich nicht kannten, mich nicht kannten.
Nichts mehr sagen, nur noch liegen
Und dann doch den Drachen fliegen.

Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
sollte ich sie nicht mehr kriegen.

Ach, sie liebten unter Schmerzen.
Wie die Dochte in den Kerzen,
wie der Honig in den Waben,
warn wir immer, was wir gaben.

Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
Morgen, morgen,
sollt ich sie vergessen haben.

8. Ruderndes Lied

Komposition: Jürgen Ehle

Hey, Kumpane, hey, wo bleibt ihr?
Lebt ihr oder seid ihr tot?
Mit wem rennt ihr, mit wem schreit ihr?
Sitz ich noch im gleichen Boot?

Fenster auf, wenn ihr noch da seid,
zündet eine Kerze an!
Ich will glauben, dass ihr nah seid
und dass ich euch finden kann.

Wie das nasse Hemd am Körper klebt!
Durchgehalten heißt noch nicht: gelebt.
Bis der letzte Schuh vom Fuß mir fällt,
will ich nicht allein sein auf der Welt.

Langt ihr noch mit langen Armen
nach der Liebe, die sich traut,
und besetzt die Serverfarmen
für ein leuchtendes Blackout?

Damals saht ihr immer stark aus,
unten im Maschinenraum.
Baut ihr jetzt an eurem Parkhaus
für den abgerauchten Traum?

Wie das nasse Hemd …
Durchgehalten …

Oder seid ihr schon geschlagen
an die Kreuze, die ihr malt,
habt die Nägel, die euch tragen,
und die Urnen selbst bezahlt?

Wie das nasse Hemd …

Finde ich euch in der Menge,
hey, Kumpane, wie ich dann
meine Panzerhaut zersprenge
und mich in die Riemen hänge
auf dem alten Äppelkahn.

9. Himmel überm Oderbruch

Komposition: Peter Schenderlein

Ich sehe, was ich niemals sah.
Das Ferne rückt allmählich nah.
Was nah war, rückt in weite Fernen.
Das faule Fleisch fällt von den Kernen.
Die Bäume aber sind noch da.

Der Himmel überm Oderbruch
bedeckt wie blaues Leinentuch
den Tisch mit seinen tiefen Kerben,
die sich allmählich dunkler färben.
Vielleicht kommt heute noch Besuch.

Die Stühle alt und abgewetzt,
erwarten, dass sich jemand setzt.
Im Schrank stehn nicht mehr alle Tassen.
Ein paar hab ich wohl fallen lassen.
Das Messer bleibt mir bis zuletzt.

Der Himmel überm Oderbruch…

Wenn‘s in den Nächten Sterne stiebt,
bin ich, wie jedes Jahr, verliebt.
In wen, braucht niemand mehr zu wissen.
Ich halt im Arm mein Sofakissen
und zieh den Karren, der mich schiebt.

Der Himmel überm Oderbruch…

10. Früher Walzer

Komposition: Michael Ritter

Sie üben die Gesten, die Schritte, den Blick,
spieln mit den andern und spielen mit sich.
Dabei falln sie herein auf den uralten Trick
des Toreros und fangen den Stich.

So erfahrn sie von einem zum anderen Mal,
was sie wollen und wer sie nicht sind.
Doch dann ist es schon wieder, als gäb’s keine Wahl,
und die Liebe, die Liebe macht blind.

Wenn sie weinen, wird’s besser. Sie stellen sich tot,
wie die Dame, die umfällt beim Schach.
Schwarz und Weiß und darüber in triefendem Rot
kommt die Sonne gerutscht übers Dach.

So erfahrn sie … und am Ende schreit schließlich ein Kind.

Hören nicht, was sie hörn, sehen nicht, was sie sehn,
wollen nur, daß sie jemand versteht,
und das Schlimmste von allem, was sie nicht verstehn,
ist der Wind, wenn er plötzlich sich dreht.

So erfahrn sie … Etwas endet und etwas beginnt.

Alles Heute ist Zufall, doch morgen ist Kunst.
Was danach kommt, weiß keiner genau.
Nur ein Traum geht davon und verschwindet im Dunst,
und heraus tritt ein Mann, eine Frau.

Manchmal fassen zwei Alte sich noch bei der Hand,
denn dem Abend folgt langsam die Nacht.
Sie wolln nur noch, was einer im anderen fand,
und die Liebe, die macht, was sie macht.

11. Mein Vater glaubte

Komposition: Jürgen Ehle

Mein Vater glaubte: Josef Stalin schützt die Welt.
Mein Vater glaubte: Nur die Arbeit macht den Held.
Mein Vater glaubte an die schöne Eisenbahn
und dass die Zukunft kommt nach seinem Zugfahrplan.

Mein Vater glaubte an das halb gefüllte Glas.
Mein Vater glaubte oft an Bücher, die er las,
Mein Vater glaubte an die Hände, hart und mild,
und an die Fröhlichkeit wie an ein Spiegelbild.

Mein Vater glaubte, dass die Gier von selber stirbt.
Mein Vater glaubte, dass Dressur das Herz verdirbt
und dass kein Mensch den neuen Menschen backen kann.
Besser geht man selbst voran.

Mein Vater glaubte: Mit der Liebe kommt die Zeit.
Mein Vater glaubte: Mit dem Frieden geht der Streit.
Mein Vater glaubte an den Flug des Dädalus,
und dass man Kinder nicht vorm Leben schützen muss.

Mein Vater glaubte an die Unschuld ohne Schuld.
Mein Vater glaubte an die Geduld der Ungeduld.
Mein Vater glaubte, dass man stehen bleiben muss
auch in der Niederlage kurz vor Toresschluss.

12. Glückslied

Komposition: Peter Schenderlein

Der Sommer lehnt sich satt zurück
Vorm Himmel ohnegleichen.
Der Mohn, den ich dir heute pflück,
ist nur ein kurzes Zeichen.

Wie dein Geruch, der sich vermählt
dem wilden Duft der Wiesen,
so münden Tage, ungezählt
und liebevoll in diesen.

Wir haben heute ausgesorgt.
Das Glück läßt sich nicht sparen.
War`s wohlverdient? War`s nur geborgt?
Ich will es nicht erfahren.

Die Straße krümmt sich glühend heiß,
gespannt bis zum Zerreißen.
Mein Name lebt, es stirbt mein Preis,
wo die Fassaden gleißen.

Wenn dir das Blut der Trauben rinnt
Vom Kinn bis hin zum Nabel,
wenn ich den Stein der Weisen find
und überall ist Babel,

singst du ein Lied wie Abendlicht
so weich und leicht wie Schatten,
bis plötzlich aus dem Dunkel sticht,
was wir vergessen hatten.

Der Sommer lehnt sich satt zurück
Vorm Himmel ohnegleichen.
Der Mohn, den ich dir heute pflück,
ist nur ein kurzes Zeichen.

Ach, Seelenleib, ach, Herzverstand,
ihr gnadenlosen Zwitter,
was wart ihr still heut, wie das Land
und wusstet das Gewitter.

13. Digitales Liebeslied

Komposition: Lars Mindach

Grad zwischen Instagram und Twitter, für Sekunden,
sahst du mich an und wußtest gleich: Es ist passiert.
Ich war der Hotspot und du hattest mich gefunden:
Die große Liebe, die man niemals mehr verliert.

Du hast ein Netzwerk, wo mich ein paar Freunde kennen.
Zu denen fahre ich, auch wenn sie online sind.
Du pflegst dein Business und ich will mich nicht trennen
Vom weichen Gras, vom Duft der Blumen und dem Wind.

Ich bin nicht hier. Ich bin nicht dort. Wir sind nicht wir und ich
bin fort. Zu keiner , an keinem Ort bleib ich bei dir.

Am Zaun zählst du die Latten, ich die Zwischenräume.
Ich seh das Tal, du siehst den Gipfel in 3D.
Wenn ich mich ausschlaf, ärgert dich, was ich versäume.
Im Traum liegst du vor mir, ein Zettelchen am Zeh.

Ich bin nicht hier. Ich bin nicht dort. Wir sind nicht wir und ich
bin fort. Zu keiner Zeit, an keinem Ort bleib ich bei Dir.

Du möchtest zwischen Xing und Facebook mit mir wetten,
dass die Beziehung strukturell sich opitimiert.
Jetzt kann dich kein Backup und kein Reset mehr retten.
Das ist nicht schön, doch so hab ich dich programmiert.

Du bist nicht hier. Du bist nicht dort. Wir sind nicht wir und du
bist fort. Zu keiner Zeit, an keinem Ort bleibst du bei mir.

Ich dachte schon: Du änderst dich.
Die Illusion verflüchtigt sich.
Es tut mir leid, doch du taugst nicht Zur Vollversion.

14. Tanzendes Lied

Komposition: Gören Eggert

Zieh dich aus und tanz mit mir,
tanze aus der Reihe.
Du bist da und ich bin hier,
nur wir zwei, wir beide.

Singt ihr morsches Frühlingslied
uns die Trauerweide,
tanzen wir, wo nichts geschieht,
als wir zwei, wir beide.

Wie ein altes Metronom
tickt der Sehnsuchtswecker.
Wer nicht schwimmen will im Strom,
zieht heut alle Stecker.

Wer jetzt nicht mehr hören will,
der darf wieder fühlen.
Sicher ist der Platz und still
zwischen allen Stühlen.

Zieh dich aus und tanz mit mir,
tanze aus der Reihe.
Du bist da und ich bin hier,
nur wir zwei, wir beide.

Nimm dir, was du kriegen kannst,
ohne es zu stehlen.
Glück, aus Dreck und Blut gestanzt,
kann dir niemals fehlen.

Zieh dich aus und tanz mit mir …

Stehn wir morgen, wie vorher,
an den Feuerschlünden:
Glaub nur, dass ins offne Meer
alle Flüsse münden,
dass die Wolken nicht nur weit
Schnee und Regen tragen.
Was verloren geht und bleibt,
werden sie uns sagen.

Zieh dich aus und tanz mit mir …

Singt ihr morsches Frühlingslied
uns die Trauerweide,
tanzen wir, wo nichts geschieht,
als wir zwei, wir beide.

15. Zeitiges Lied

Komposition: Michael Ritter

So ein Himmel: himmelblau.
So ein seidenweicher Wind.
Hier ein Mann und dort ´ne Frau
und im Irgendwo ihr Kind.

So ein warmer Sonnenstrahl.
So ein gelber Ginsterstrauch.
Schon ein Hügelchen manchmal
auf dem kugelrunden Bauch.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
dich zu holen auf die Welt.
Zwischen Angst und Seligkeit
bleiben wir dir beigesellt.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
dass die Welt sich einmal dreht,
und das Gute uns gedeiht
und dem Schlechten widersteht.

So ein Boot, von Menschen schwer.
So ein Kahn, den man vergisst,
und wir baden noch im Meer,
das schon längst ein Friedhof ist.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
dass wir sagen: Hier ist Land.
Zwischen Dreck und Herrlichkeit
haben wir es in der Hand.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
dass die Welt sich einmal dreht,
und das Gute uns gedeiht
und dem Schlechten widersteht.

So viel Liebe schon versteint.
So viel Hoffnung auf dem Strich.
Doch ich habe keinen Feind,
der nichts weiter hat als sich.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
denn ein Kind will auf die Welt.
Zwischen Angst und Seligkeit
bleiben wir ihm beigesellt.

Es wird Zeit, es wird Zeit,
dass die Welt sich endlich dreht
und das Gute uns gedeiht
und dem Schlechten widersteht.

16. Bleibendes Lied

Komposition: Peter Schenderlein und Thomas Rühmann

Zähle nicht die Stufen.
Zähle nicht die Schritte.
Zähle nicht die Jahre.
Es gibt kein Zuviel.

Frage die Gezeiten
nach der goldnen Mitte,
Frühling, Sommer, Herbst
und Winter nach dem Ziel.

Wie die Dünen wandern,
wie die Wolken ziehen,
wie die Wellen schlagen,
wie der Regen rinnt,
werd ich nach dir suchen,
werd ich vor dir fliehen,
werd dich wiederfinden,
wo wir immer sind.

Du warst nicht aufzuhalten,
Du warst nicht auszumerzen,
Du warst nicht zu vergessen,
Du warst nie anderswo,
als in meinen Liedern,
als in meinem Herzen,
als in meiner Seele,
traurig, aber froh.

Zähle nicht die Stufen.
Zähle nicht die Schritte.
Zähle nicht die Jahre.
Es gibt kein Zuviel.

Mitwirkende und Credits

Thomas Rühmann & Band

Gesang und Gitarre: Thomas Rühmann
Tasten: Peter Schenderlein
Bässe: Lexa Thomas
Gitarren: Michael Ritter
Drums: Gören Eggert

Alle Liedtexte außer „Amour fou“ und „Das Eigentum“: Henry-Martin Klemt
„Amour fou“: André Schinkel
„Das Eigentum“: Volker Braun

Mix, Master, Produzent: Michael Ritter

Brückenbilder, Personen-Fotos: Barbara Braun MuTphoto

Foto von H.-M. Klemt: Stephan Szalai

Naturfotos, Gestaltung: Monika Herold Soulsite Design

Über Thomas Rühmann & Band

Was am 13. Juli 2012 als Probe mit „falschen Liedern" begann, wurde zu einer der eigenwilligsten Bandgeschichten im deutschen Liedgut. Silvester 2012 stand die Band erstmals gemeinsam auf der Bühne – im Theater am Rand in Zollbrücke, jenem besonderen Ort im Oderbruch, den Thomas Rühmann 1998 mitgegründet hat. Vielen ist er als Schauspieler aus „In aller Freundschaft“ (Sachsenklinik) vertraut – auf der Bühne des Theater am Rand zeigt er eine ganz andere Seite.
Seit 2014 touren Thomas Rühmann & Band durch ganz Deutschland und begeistern mit einer Mischung aus Poesie, Klangkunst und musikalischer Vielfalt zwischen Indierock und Liedform – mal roh, mal zart, immer mit spürbarer Haltung.
Mit „Richtige Lieder“ (TARI TARO MUSIC) veröffentlichte die Band 2018 ihr erstes eigenes Album – Texte von befreundeten Dichtern wie Hans-Eckardt Wenzel, Andrè Schinkel und Volker Braun trafen auf selbst komponierte Musik.
2026 erscheint mit „Brückenschlag – Lieder am Fluss“ (TARI TARO MUSIC) das neue, mit Spannung erwartete Album: Themen des aktuellen Lebens, gegossen in die tiefgründige Poesie von Henry-Martin Klemt – rockig von alternative bis punkig vertont in Kompositionen der Bandmitglieder sowie befreundeter Musiker, darunter Jürgen Ehle, einst Kopf der legendären Band Pankow.

Band-Mitglieder:

Thomas Rühmann (voc., g)
Peter Schenderlein (key, voc)
Lexa Thomas (b, voc)
Gören Eggert (dr, voc)
2012-15 Rainer Rohloff (†) (g, voc)
ab Oktober 2015 Michael Ritter (g, voc)

Wie alles begann - auf dem Weg zur CD "Brückenschlag"

Manchmal passieren seltsame Dinge. Du probst und dir fällt eine Leiter auf den Kopf – mit musikalischem Partner oben drauf. Eine Katastrophe? Nein, es entsteht Neues: Die gemeinsame spielerische Form des Erzählenden Theaters, heute ein Markenzeichen des Theaters am Rand. Retter in der Not war damals, Anfang der 2000er Jahre, Jens-Uwe Bogadtke. Thomas Rühmann und er kannten sich aus der Zeit an der Schauspielschule. Nun sollte ein neues künstlerisches Kapitel entstehen. Bogadtke war es auch, den Rühmann fragte, ob er ihm Musiker für eine Band empfehlen könne. Die erste Probe der neuen Band fand am 13.07.2012 statt, damals schon mit „falschen“ Liedern, in denen Texte von Wenzel zu Musik von Bon Iver, Mark Knopfler, Lambchop, Neil Young, Tunng kombiniert wurden. Eine Besonderheit, die lange Charakteristikum der Band bleiben sollte. Thomas Rühmann & Band waren in den ersten Jahren ausschließlich eine Live-Band. Doch immer wieder kamen Fragen nach einer CD. So mussten eigene Kompositionen her, denn Rechte zu bekommen von Neil Young, Lambchop oder Mark Knopfler war undenkbar.

2018 wurde das Album „Richtige Lieder“ veröffentlicht. Live gab es nun eine Mischung aus „falschen“ und „richtigen“ Liedern sowie persönlichen Geschichten Rühmanns. Wieder kommt Bogadtke ins Spiel, er macht Rühmann auf den Dichter Henry-Martin Klemt aufmerksam. Es dauert eine Weile, mehrere Jahre. Doch dann geht alles ganz schnell. Henry-Martin Klemt ist Gast auf Rühmanns Feier zu seinem 70. Geburtstag im Theater am Rand im Mai 2025. Vorgesehen als Teil des Bühnenprogramms ist ein Auftritt André Schinkels. Der bleibt jedoch mit der Bahn stecken. Henry-Martin Klemt vertritt den verhinderten Kollegen und liest seinen Text „Langsames Lied“, den Rühmann für die sich im Entstehen begreifende CD vertonen wird. Doch davon ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Einen Monat zuvor wurden erste Lieder in den Kammerspielen in Treuenbrietzen aufgenommen, kaum eines schafft es auf die CD. Genau zwischen den ersten Aufnahmen und dem Geburtstag lernen sich Rühmann und Klemt nach einer Vorstellung im Theater am Rand kennen. Klemt vermerkte dazu in seinem Tagebuch: „Thomas Rühmann hat etwas in sich Ruhendes, Gefestigtes. Ohne äußeren Überschwang, aber alle Lust und künstlerische Disziplin wie Verrücktheit ist inkludiert." Rühmann beschäftigt sich immer mehr mit der Lyrik Henry-Martin Klemts. Drei Songs hat die Band schon in Treuenbrietzen aufgenommen. Auch ein „falsches“, sehr bewegendes Lied gibt es bereits im Live-Programm. Die Idee reift, ein Album (fast) ausschließlich mit seinen Texten zu machen. Im bandeigenen Gitarristen Michael Ritter wird ein sensibler und präziser Produzent gefunden. Die Songs wirken prägnanter als auf dem Vorgängeralbum. Obwohl musikalisch in verschiedensten Genres von Liedhaftem bis Indie Rock beheimatet ist alles ein Guss.

Den erfrischenden CD-Opener „Versprochenes Lied Amour Fou“ in der Kombination zwischen englischem und deutschem Text kann man, wenn man so will, als Brückenbau und Hommage an die „falschen“ Lieder verstehen. Doch werden hier nicht ein Text und eine fremde Musik miteinander kombiniert, sondern Texte zweier Dichter mit einer Komposition. André Schinkel, dessen Text auch „Richtige Lieder“ eröffnete, gibt den Staffelstab an Henry-Martin Klemt weiter. Rühmann, der Belletristik in seinen Inszenierungen in eigenen Fassungen im Theater am Rand auf die Bühne bringt, weiß, wie man mit Literatur umgeht und sie in eine neue Kunstform hebt. Die Texte, die er sich von Klemt ausgesucht hat, bilden ein weites Spektrum: zarte Liebeslieder, Selbstreflexionen, politische Nuancen, das Leben an sich zwischen Social Media und Sonnenuntergang im Oderbruch und das Bekenntnis, „so etwas von 20. Jahrhundert“ zu sein. Hier findet man nichts Plakatives, kein Dranschreiben, nichts Rührseliges. Klemts bedeutungsoffene Sprachbilder lassen bei jedem Hören neue Auslegungen zu. Rühmann, ganz poetischer Feingeist, macht sich die Lyrik zu eigen, zieht sie sich als zweite Haut an, ändert die Perspektive „durch seine Interpretation, ohne die Intention des Autors zu beschädigen. Seine Wahrnehmung gibt ihm die Möglichkeit, spielerisch Symbiosen zu schaffen. Er hat ein untrügliches Gespür, den existentiellen Kern eines Textes freizulegen und in den Vordergrund zu bringen, mit Sanftheit, mit ein paar kraftvollen Strichen, letztendlich mit seiner eigenen Empfindung. Und herausragende Musiker und Komponisten hat er auch an seiner Seite,“ so Henry-Martin Klemt äußerst passend zum fertigen Werk. Man erkennt sich selbst, nur hätte man es so kaum ausdrücken können. Die Lieder klingen lange in einem nach. Stimmlich bewegt sich Rühmann in seinen gesanglichen Interpretationen zwischen klar, erzählerisch, melancholisch, verführerisch bis hin zur Rockröhre. Thomas Rühmann & Band verneigen sich vor einem lebenden Dichter, was üblicherweise nur lange Verstorbenen zuteil wird. Sie sind dabei ganz sie selbst geblieben - eine Band mit unbändiger Spielfreude auf der Suche nach weiten musikalischen Feldern.
 
Text von Barbara Braun

Interview mit Thomas Rühmann

Bei Ihren Konzerten gibt es als Spezifikum die „falschen“ Lieder. Wie kann man sich den Schaffensprozess dieser Lieder bei der Entstehung vorstellen?

TR: Ich höre im Radio Musik, notiere mir die Band oder den Interpreten, höre nach, finde bestimmte Titel großartig und suche dann einen deutschen Text dazu. Da ich viele im Kopf habe, findet die erste Konfrontation oft im Auto statt. Unterwegs nach Zollbrücke ist viel Zeit zum Dazusingen. Manche falschen Lieder sind nach dem ersten öffentlichen Singen noch zwei - dreimal gespielt worden, aber dann nicht mehr. Bauchentscheidung. Einiges war auch hart und misslungen.

Wird es trotz neuer CD weiterhin auch neue "falsche" Lieder auf den Konzerten geben?

TR: Ja, gibt es bestimmt.

Wie ist es zu den "richtigen" Liedern gekommen?

TR: Wir sind zunehmend gefragt worden, ob es nicht eine CD geben kann. Immer nein gesagt, der Rechte wegen. Und dann die Entscheidung: Richtige. Also selber komponieren, arrangieren etc.. Die Dichter hatten wir: Wenzel, André Schinkel, Jörn Brumme. Mehr waren es noch nicht.

Wann war klar, es muss ein zweites Album geben?

TR: Ich habe eigentlich immer nach neuen Texten und neuen Musiken gesucht, ohne zu wissen, dass es eine neue CD gibt. Also musikalische Vorbilder. Dabei war auch ein Text von Klemt – er wurde vertont, aber wir haben ihn wieder weggelegt. Auch nicht gespielt. Später kam „Die Ballade von der Heimkehr“ auf einen Song von Ben Howard. Da habe ich Klemt zum ersten Mal erkannt. Dann bin ich auf seine 99 Lieder gestoßen. Die habe ich mit mir herumgetragen und schon eine Auswahl getroffen, die aber oft wieder verworfen wurde. Bis ich irgendwann dachte: Nur Klemt und seine interessantesten Texte. Ohne an „Brückenschlag“ zu denken.

Wie kam es dazu, ein Album fast ausschließlich mit Klemts Posie zu machen?

Ich hatte einfach eine große Sammlung seiner Texte und habe eher aus dem Bauch heraus die Songs zusammengestellt.

Wie sah die Zusammenarbeit aus? Haben Sie sich bestehende Texte ausgesucht und/oder hat Henry-Martin Klemt direkt für die Band geschrieben?

TR: Es waren bestehende Texte. Er hat mir auch eins geschickt, das ihm offenbar wichtig war: „Ruderndes Lied“. Und bei einem Song hat er für uns eine gute zweite Strophe geschrieben, damit der Refrain nicht zu früh kommt.

Die musikalischen Interpretationen der Texte Klemts sind stilistisch sehr verschieden. Wie wurde entschieden, wer was komponiert?

TR: Ich habe mir einfach vorgesellt, zu wem der Text passt. Soll es rockig sein, dann Micha Ritter. Soll es poetisch sein, dann Peter Schenderlein. Soll es politisch sein, dann Jürgen Ehle. Auch Clemens Christian Poetzsch, mit dem ich bei mehreren Produktionen im Theater am Rand zusammenarbeite, hat ein Lied komponiert.

Wie sehen Sie die Weiterentwicklung der Band? Sie haben sogar Ihren bandeigenen Produzenten.

TR: Wir sind musikalisch noch weiter zusammengewachsen und haben eine eigene Ästhetik entwickelt. Die ist eher vielfältig, unterschiedlich, mal poppig, mal rockig, mal liedhaft, aber immer mit Absicht, ohne sie dranzuschreiben. Und extrem gut musiziert. Das wird uns bei den Konzerten oft gesagt.

Das Interview führte Barbara Braun

Thomas Rühmann wurde 1955 in Osterburg (Altmark) geboren und wuchs in Magdeburg auf. Er ist Schauspieler, Musiker und Mitbegründer des Theaters am Rand, wofür er auch als Regisseur, Dramaturg und Theaterleiter tätig ist. Deutschlandweit bekannt wurde er in seiner Rolle als Dr. Roland Heilmann in der ARD-Krankenhausserie „In aller Freundschaft“. 2015 erhielt Thomas Rühmann den Verdienstorden des Landes Brandenburg, 2022 wurde Rühmann mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Interview mit Henry-Martin Klemt

Website Henry-Martin Klemt

Wie und wann haben Sie und Thomas Rühmann sich kennengelernt?

HMK: Die persönliche Begegnung mit Thomas verdanke ich seiner Einladung zu „Liebe in Zeiten des Hasses“ im April 2025 nach Zollbrücke. Dort war ich vorher schon ein paar Mal gewesen. Ich wusste, was Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern mit dem Theater Großartiges auf die Beine gebracht hatten, war von den erlebten Inszenierungen bezaubert. Thomas hatte bereits einen Text von mir – „Die Ballade von der Heimkehr meines Vaters aus dem Krieg“ - in sein Programm aufgenommen. Wie das oft mit der Kunst passiert, war der Text zu ihm gekommen, als er ihn gebrauchen konnte. Die Brücke geschlagen hatte in diesem Falle wohl unser langjähriger gemeinsamer Freund Jens-Uwe Bogadtke, den ich seit Anfang der Achtziger Jahre kenne und auch als Schauspieler sehr schätze. Das Treffen in Zollbrücke war für mich ein Geschenk. Ich fragte mich: Warum ist das denn nicht dreißig Jahre früher passiert? Und dann sagte ich mir: Weil jetzt vielleicht genau der richtige Zeitpunkt dafür ist. Es gibt Menschen, durch die jeder Raum sofort etwas wärmer und heller wird. Ich denke, Thomas und ich hatten beide das Gefühl, etwas miteinander anfangen zu können, mit der Freude, die entsteht, wenn sich Leute gegenseitig etwas geben können und dabei etwas Neues zum Vorschein kommt. Bei den Texten und ihren Vertonungen ist es so, dass Thomas oft die Perspektive verändert durch seine Interpretation, ohne die Intention des Autors zu beschädigen. Seine Wahrnehmung gibt ihm die Möglichkeit, spielerisch Symbiosen zu schaffen. Er hat ein untrügliches Gespür, den existentiellen Kern eines Textes freizulegen und in den Vordergrund zu bringen, mit Sanftheit, mit ein paar kraftvollen Strichen, letztendlich mit seiner eigenen Empfindung. Und herausragende Musiker und Komponisten hat er auch an seiner Seite.

Wann kam die Idee auf, ein Album fast ausschließlich mit Ihrer Posie zu machen?

HMK: Die Idee kam von Thomas, während das Album geplant wurde.

Wie sah die Zusammenarbeit aus? Hat sich Thomas Rühmann bestehende Texte ausgesucht und/oder haben Sie direkt für die Band geschrieben?

HMK: Eine gute Freundin, Eva Schönewerk, die mich von Kindertagen bis zu ihrem Tod durchs Leben begleitete, benutzte in ihren Briefen gern die Formulierung: "Ich denke zu Dir hin." Wenn ich Liedtexte schreibe, ist es manchmal ähnlich: Ich schreibe sie nicht für jemanden, aber ich schreibe sie zu jemandem hin, bewege mich beim Schreiben auf jemanden zu. Das gilt auch für einige Texte, die sich auf der Platte wiederfinden. Ausgewählt wurden alle Texte von Thomas aus Büchern und Manuskripten von mir.

Die musikalischen Interpretationen Ihrer Texte sind stilistisch sehr verschieden. Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal die einzelnen Lieder gehört haben?

HMK: Schon bei der "Ballade von der Heimkehr meines Vaters" war ich angefasst. Beim Geburtstagskonzert "Rühmann 7.0" musste ich am Ende erst einmal meine Frau in den Arm nehmen, weil ihr die Tränen liefen. Es waren alles Dinge, die sie kannte, aber sie hatten plötzlich eine andere Dimension. In den Liedern fließt auf dreifache Weise höchst Persönliches zusammen: vom Dichter, vom Komponisten, vom Sänger und seiner Band. Es ist spannend, zu beobachten, wie sich das fügt und wächst. Wenn Jürgen Ehle beispielsweise "Mein Vater glaubte" komponiert und für das Demo einsingt, dann schwingen Erfahrungen mit, Skepsis, Brüche, eine individuelle Rückschau. Wenn Thomas den Text vorliest, geschieht das ebenfalls, aber anders. Wenn er es dann als Lied interpretiert, wandeln sich noch einmal Nuancen. Bis es seins geworden ist, und dann singt er es zu den anderen hin. Für mich wird dadurch jedes Lied noch einmal zu einer eigenen Reise.

Sie haben für einige andere Bands und Musiker getextet. Gab es einen Unterschied in diesem Fall?

HMK: Liedtexte zu schreiben ist für mich keine Dienstleistung. In der Bibel heißt es von Liebenden: "Sie erkannten einander." In der Kunst ist es ähnlich. Also der mit der Musik erkennt etwas bei dem mit dem Text und umgekehrt. Das ist etwas Geheimnisvolles oder - wenn man es nüchterner mag - ziemlich Komplexes. Es kann in einem einzigen Menschen stattfinden, aber auch in mehreren. Mit den Musikern, mit denen ich arbeite, verbindet mich eine oft langjährige Freundschaft. Natürlich gibt es da Unterschiede. Aber immer gibt es einen Zweiklang, in dem man einander sehr nahekommt und zugleich sehr bei sich selbst ist. Daraus entsteht eine Intensität, die ausstrahlt und verbindet. Sprache hat für mich immer etwas mit Musik zu tun. Musizieren spielt in unserer Familie eine große Rolle. Aber ich bin kein Musiker geworden, obwohl ich das als Kind schon wollte. Trotzdem steht in meinem Arbeitszimmer ein Keyboard. Man kann ja nie wissen. Und wenn ich Liedtexte schreibe, habe ich oft einen "Schimmel" im Kopf, etwas ganz Einfaches, Rudimentäres, an dem ich mich rhythmisch entlanghangeln kann. Wer aber wirklich Musik dazu macht, der füllt mit seiner Kunst eine Lücke, die ich spüre. Im besten Fall geschieht das so, dass ich mich erkannt fühle und im anderen etwas erkenne. Das ist ein großes Glück für mich.

Das Interview führte Barbara Braun

Henry-Martin Klemt wurde 1960 im Berliner Friedrichshain geboren. Er ist Lyriker, Liedtexter und Nachdichter. Zuletzt erschien von ihm "Ausgewaschene Nacht - Vier Kapitel über das Glück" im Morio Verlag Heidelberg, einem Imprint des Mitteldeutschen Verlags Halle/Saale. Zu seinen musikalischen Partnern gehören Dirk Zöllner (Berlin), Frank Viehweg (Berlin), Steinlandpiraten (Berlin), Quijote (Chemnitz), Thomas Strauch (Frankfurt) und nun auch Thomas Rühmann & Band. (ausführlicher unter https://www.literaturport.de/lexikon/henry-martin-klemt/)

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17 Das Eigentum
Bonus-Track

Anstehende "Thomas Rühmann & Band"-Konzerte


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